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Betreten der Baustelle erwünscht!

18.09.2009 – Kosmos Arbeit – Die Deutsche Arbeitsschutzausstellung in Dortmund setzt Arbeit in Szene

 

Text: Anne Honisch
Foto: Martin Lässig

Rund ein Drittel unseres Lebens verbringen wir am Arbeitsplatz. Mit diesem Drittel beschäftigt sich die DASA – die Deutsche Arbeitsschutzausstellung in Dortmund. Auf 13.000 m2 können die Besucher hier unterschiedliche Arbeitswelten erforschen. Zu entdecken gibt es Vieles: Ein Besuch zwischen Baustellen, Bildschirmen, Walzwerken und Roboter-Hunden.

Willste fliegen lernen?« Der Junge hüpft ins Cockpit und macht eine einladende Handbewegung zu seinem Kumpel. Der klettert hinterher und mimt den Co-Piloten. Wahllos hämmern sie auf Knöpfe, das Armaturenbrett blinkt hysterisch in rot-gelb-grün – stürzt die Maschine ab? Nein, der Autopilot hilft weiter – ein Monitor zeigt den Bruchpiloten, was sie machen müssen und das Armaturenbrett beruhigt sich. Für einen selbstgesteuerten Linienflug zurück nach Hause wird es wohl nicht reichen, aber in wenigen Minuten haben die beiden Jungs ein Cockpit schon mal kennengelernt. Der Hubschrauber prangt in fünf Meter Höhe; über eine Treppe geht es zurück zum Boden der Ausstellungshalle. Sicher gelandet. 

Probieren geht über studieren. Lediglich 20 Prozent unseres Wissens, das wir für die Arbeit benötigen, erwerben wir durch sogenanntes formelles Lernen; reine Theorie macht also nur einen Bruchteil aus. Die restlichen 80 Prozent ergeben sich aus informellem Lernen – aus den täglichen Erlebnissen und Erfahrungen. Auf dieser Ebene bewegt sich die DASA, die Deutsche Arbeitsschutzausstellung in Dortmund: Arbeitswelten auf eigene Faust erkunden – im Selbstversuch und ohne erhobenen Zeigefinger – das ist die Grundidee, verbunden mit der Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen und erweitertem Arbeitsschutz in allen Berufssparten.

Dabei setzen die Kuratoren auf Abwechslung. Die ständige Ausstellung kreist um die Themen Mensch-Arbeit-Technik; Wechselausstellungen und Veranstaltungen beleuchten einzelne Aspekte genauer. Aktuell dreht sich alles um nonverbale Kommunikation – beispielsweise bietet die DASA Kurse und Führungen in Gebärdensprache an.

Tunnelbau im Keller 

In das Foyer stapft eine zwölfköpfige Männergruppe. Karierte Hemden, Khaki-Westen, Jeans und Turnschuhe füllen die Halle. Die Männer arbeiten für einen Getränkelieferanten. Ihre Arbeit: Kisten hieven und Gabelstapler fahren. Heute steht ein Betriebsausflug auf dem Programm, sie wollen zu Axel Wegener. Seine Arbeit: DASA-Führungen. Herr Wegener ist groß und hager, schüttelt jedem die Hand, plaudert gern und freut sich über so viele Besucher, die ihm zuhören. Er wohne gleich gegenüber, erzählt er, da habe er vor zwei Jahren einfach mal angefragt, ob die DASA nicht noch einen Ausstellungsführer bräuchte. 

»Betreten der Baustelle erwünscht!«, fordert das Bauschild. Erster Anlaufpunkt während des Rundgangs ist der Innenhof mit hauseigenem Straßenbau. Bagger, Walzen, Presslufthammer – Modelle aus verschiedenen Jahrzehnten stehen um die Baugrube herum und wecken Erinnerungen: »An dem Ding habe ich auch noch gearbeitet, das wiegt was. Heute haben die es ja leicht.« Wobei »leicht« ein relativer Begriff ist – ein Presslufthammer kann es auf knapp 30 Kilo bringen.

Vom Straßenbau aus geht es unter die Erde. Im Lastenaufzug erzählt Axel Wegener von modernen Schutzausrüstungen im Tiefbau, mit Sauerstoffmaske auf dem Kopf und Sauerstoffflasche auf dem Rücken. Zwölf Kilo stemmt ein Bauarbeiter unter der Erde, ohne überhaupt ein Werkzeug in die Hand genommen zu haben. Axel Wegener weiß, wovon er spricht, jahrzehntelang hat er im Steinkohle-Bergbau gearbeitet, bis er in Frührente ging. Die Männer nicken knapp, zwölf Kilo beeindrucken hier niemanden.  Der Keller wurde in einen Tunnelschacht verwandelt. Es ist dunkel, es ist kalt und es ist feucht. Originalgetreues Klima also. Die Lichter an den Tunnelwänden flackern müde, auf dem Boden liegen Kabel und unbekannte Gerätschaften. Am Ende des Schachtes lauert ein stählernes Monster: Die Tunnelbohrmaschine zählt zu den größten Errungenschaften im Untertagebau; sie frisst sich durch die Erde, schneller und sicherer, als es Menschen je vermögen. Wo selbst sie nicht weiterkommt, wird der Weg frei gesprengt. Im Keller der DASA natürlich nur simuliert.

Erst der Ofen, dann die Halle 

Die Gruppe macht sich zum Aufstieg bereit, die nächste Arbeitswelt wartet schon. Tasten, Regler und Schalter so weit das Auge reicht. Knapp zehn Meter lang ist die Kraftwerks-Kommandozentrale, sie sieht aus wie ein überdimensioniertes Mischpult.  Am anderen Ende der Konsole stehen drei Mädchen und hören Marion Fretter zu: »Die Kommandozentrale ist das Gehirn eines Kraftwerks, alle Prozesse werden von hier aus gesteuert und kontrolliert.«  

Ein paar Minuten später sind alle Fragen beantwortet und Marion Fretter verabschiedet sich. Sie geht hinüber zu einer Familie, die verloren im Raum steht und den Hubschrauber an der Decke bestaunt. Auch zu ihm kann Marion Fretter einiges erzählen, dafür ist sie hier. Gemeinsam mit rund 60 Kollegen von Dussmann Service macht sie die Museumsaufsicht. Ihre Arbeit: Besucher gezielt ansprechen und ihnen Wissen über die DASA und einzelne Exponate vermitteln. »Wir wollen die Leute begleiten und sie animieren, möglichst viel auszuprobieren. Das ist schließlich die Besonderheit der Ausstellung«, erklärt Heike Rottke, Dussmann-Objektleiterin in der DASA. Dafür müssen sich die Mitarbeiter das ganze Wissen erst einmal selbst aneignen – rein formelles Lernen also. Das geschieht in jährlichen Unterweisungen. Sogenannte Vorführtechniker, Mitarbeiter der DASA, schulen die Dussmann Service-Kräfte in den jeweiligen Ausstellungseinheiten, in denen sie arbeiten. Seit Januar 2008 ist Dussmann Service für die DASA im Einsatz. Zusätzlich zur Museumsaufsicht arbeiten Mitarbeiter an Empfang, Kasse, Information, Garderobe und betreiben den Büchershop.  

Axel Wegener und seine Männergruppe sind inzwischen einen Raum weiter. Klein wirken sie vor dem 250-Tonnen-Elektrostahlofen, das größte Ausstellungsstück. So groß, dass die Halle um den Ofen herum gebaut werden musste. Axel Wegener erläutert gerade die anfänglichen Reaktionen auf Arbeitsschutz-Maßnahmen in den Stahlwerken: »Als die ersten Lärm- und Hitzeschutzkabinen aufkamen, hat das nicht gerade für Begeisterung gesorgt. Durch die Kabinen entfiel ja der Zuschlag, das bedeutete weniger Lohn. Also, ein Sicherheitsbewusstsein wie heute war anfangs gar nicht ausgeprägt.« Auf 110 Dezibel bringt es der Elektrostahlofen. Wenn Besucher wissen wollen, was überhaupt ein paar Dezibel sind, können sie in den gegenüberliegenden Lärmtunnel gehen und sich verschiedene Geräusche anhören. 

Hinter der nächsten Ecke lauert das Grauen. Plötzlich stehen die zwölf Männer in einer Zahnarztpraxis. »Wer will auf den Behandlungsstuhl?« Schweigen. Axel Wegener grinst. »Na, dann überspringen wir vielleicht mal die medizinische Abteilung und laufen noch zur Altenpflege.« Auf dem Weg geht es vorbei an einem Chemielabor, einem Soundstudio und einem Jobcenter – auch das gehört zum Kosmos Arbeit, gerade jetzt.

Ein Blick in die eigene Zukunft 

Der Vorteil der DASA: Ihr Thema ist immer aktuell. Der Nachteil der DASA: Ihr Thema ist immer aktuell. Die (Arbeits-) Welt dreht sich schneller als die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, zu der die DASA gehört. Die benötigten Exponate top-aktuell zu bekommen und die begleitenden Informationen aufzubereiten, ist eine Herausforderung – logistisch und finanziell.  

Im nachgebauten Zimmer eines Altenheims angekommen, hantiert Axel Wegener an einem Hebelift und erklärt: »Die vorgegebene maximale körperliche Belastung von Arbeitern liegt ja bei 30 Kilo. Da lacht ein Altenpfleger drüber.« Nur ein kurzer Blick ins Pflegebad, dann schnell weiter. Den Männern ist die Kulisse keineswegs geheuer; die mögliche eigene Zukunft wollen sie besser nicht so genau kennen lernen. Ist ja auch noch Zeit. 

Durch lange Flure geht es zurück ins Foyer. An der Garderobe nimmt eine Dussmann-Mitarbeiterin gerade Jacken entgegen – die nächste Gruppe wartet schon auf Axel Wegener, diesmal sind es Schüler, wie so häufig. Als die DASA anlässlich der EXPO 2000 fertig gestellt wurde, erwarteten die Kuratoren verstärkt Forscher, Arbeitsrechtler und Personaler – ein Fachpublikum eben. Doch sie wurden überrascht: Neben Experten entdeckten vor allem Familien und Schulen die DASA für sich; heute machen sie den Großteil der jährlich 180.000 Besucher aus. Um allen Ansprüchen gerecht zu werden, gibt es Audiotouren in drei Varianten. 

Neunzig Minuten war Axel Wegener mit der Männergruppe unterwegs und dabei haben sie nur einen Bruchteil der Ausstellung gesehen. In den Tiefen des Museums harren noch hunderte Exponate auf Besucher – Webstühle, Steckuhren, Dampfmaschinen, Lithopressen und ein Schutzanzug gegen Hitze und Krebsgefahr von 1941 – bestehend zu 100 Prozent aus Asbest.  Ins Foyer kommen Dussmann-Mitarbeiter. Gemeinsam mit der Männergruppe strömen sie Richtung Ausgang. Genug Arbeit für einen Tag.

 


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