Chemnitz macht sich leicht
24.07.2009 – Dussmann-Service erbringt das Catering im Casino des Chemnitzer Behördenzentrums
Text: Gerd Hartmann
Foto: Olaf Haubold
Der »Nischel« überblickt streng das Verkehrsgetümmel vor seiner Nase. Ein bisschen unzufrieden schaut er drein, der Herr Karl Marx. Das 1971 vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel geschaffene Denkmal ist das bekannteste Wahrzeichen der Stadt Chemnitz: ein sieben Meter hoher Kopf – und genau darauf bezieht sich auch der lokale Spitzname. Nischel ist die ostmitteldeutsche Dialektbezeichnung für einen Schädel. Hinter der zweitgrößten Porträtbüste der Welt – übertroffen wird der bronzene Philosoph nur von der altägyptischen Sphinx – ragt wie ein Bühnenvorhang ein Gebäuderiegel auf. Hier residierte früher die Bezirksleitung der SED. Mittlerweile sind ein Dutzend Behörden, von der Oberfinanzdirektion bis zum Landesjugendamt, in dem achtstöckigen Betonband untergebracht.
Seitlich, wo sich der monumentale Komplex zu einem etwas zugigen Platz weitet, öffnet eine unscheinbare Tür den Zugang zu einer ganz anderen Welt. Im Casino des Behördenzentrums erinnert nichts an die gigantomane Attitüde sozialistischen Städtebaus. Mit klaren Linien und geschickt gesetzten Farbakzenten präsentiert sich der langgestreckte Raum wie eine Oase fernöstlicher Schlichtheit, gepaart mit schicker Loungeatmosphäre.
Seit der Eröffnung 2008 betreibt Dussmann Service dieses innenarchitektonisch überaus gelungene Betriebsrestaurant. Wände und Decken sind in pastellgrün und schwarz gehalten. Dazu kontrastieren die weißen Stühle und Tische, deren runde Füße an den Retro-Look der siebziger Jahre erinnern. Auch die abgerundeten Ecken der langgestreckten Fensternischen spiegeln diese Formensprache wider. Von der früheren Architektur der ehemaligen Buchhandlung blieb nur ein einziges Detail erhalten: ein Wand füllendes Holzmosaik im Eingangsbereich aus archaisch-dunklen Quadraten, das sich harmonisch in die Raumkomposition einfügt.
Auf die Qualität des Besonderen setzt auch die Kochphilosophie von Ulf Weise. Als »bürgerlich, durchzogen mit Extravaganz« beschreibt der 46-jährige Küchenchef lachend sein Konzept. Unter den drei täglich wechselnden Hauptspeisen finden sich so deftige Gerichte wie Grützwurst – eine lokale Spezialität. Aber auch hochwertiger Fisch oder ungewöhnliche Nudelgerichte sind im Angebot. Diverse Suppen, Beilagen und Desserts sowie eine große Salatbar lassen keine Wünsche offen.
Ab 7.30 Uhr kann man hier auch frühstücken oder sich einen Pausensnack holen. Und wenn im Behördenzentrum Empfänge und Sitzungen stattfinden, ist das Dussmann-Team mit Schnittchen und Getränken zur Stelle.
Ulf Weise ist mit Leib und Seele Koch. »Einerseits schaue ich genau darauf, was die Leute wollen. Andererseits möchte ich sie auch für Neues begeistern«, sagt er. Deshalb bietet er mehrmals im Monat Wokgerichte an, die vor den Augen der Gäste zubereitet werden. Und freut sich, wenn sie erstaunt sind, wie anders Gemüse schmecken kann. Auch frisch zubereitete Crêpes stehen auf seinem Programm.
Im Sommer kann man all das unter freiem Himmel verzehren. Ein kleiner, durch Mauern geschützter Innenhof lädt zur mittäglichen Entspannung ein. Schilfgräser wehen im Wind – wären nicht die Sonnenschirme, würde man sich fast in einem japanischen Zen-Garten vermuten. Bei Regen entschädigt der Blick auf das wogende Grün. Auf beiden Seiten – denn was auf der Hofseite live passiert, ist auf den Fenstern zur Straßenseite auf die Scheiben gedruckt. Ein weiteres verblüffendes architektonisches Detail.
Anfang des Jahres gab es zwei ganz besondere Wochen. Unter dem Motto »Genießen war noch nie so leicht« standen Gerichte der Brigitte-Diät auf der Speisekarte. An der alljährlich stattfindenden Aktion des Gruner+Jahr-Verlags nahmen deutschlandweit über 40 von Dussmann Service bewirtschaftete Betriebsrestaurants teil. Auch in Chemnitz kam die Aktion gegen überschüssige Winterpfunde blendend an. Kein Wunder, denn wer denkt bei Gerichten wie »Apfel-Pangasius auf Rahmsauce mit rotem Püree« an Diät? Männer offensichtlich schon. »Die Speisen wurden sehr stark nachgefragt – aber fast ausschließlich von Frauen«, berichtet Küchenchef Weise amüsiert von der wenig ausgeprägten Experimentierfreude des starken Geschlechts.
Dabei ist Abnehmen durch das Energiedichte-Prinzip eine schmackhafte Angelegenheit, die richtig satt macht. Bei dieser ernährungswissenschaftlich anerkannten Methode geht es nicht ums reine Kalorienzählen. Im Vordergrund steht die Nahrungsmenge, die im Magen ein angenehmes Sättigungsgefühl erzeugt. Erstmalig in diesem Jahr gab es zusätzlich zu den Speisen im Casino und Rezepten für zu Hause auch einen maßgeschneiderten Diätplan im Internet: den Brigitte-Diät-Coach – einen virtuellen Personal-Trainer, der nicht nur beim richtigen Essen hilft, sondern auch Sporttipps gibt und den Gewichtsverlauf individuell kontrolliert.
Im Casino des Behördenzentrums haben die Herren der Schöpfung weiterhin die Chance, ihre Lernfähigkeit unter Beweis zu stellen. Der Kantinenausschuss des Personalrats, mit dem das Dussmann-Team eng kommuniziert, war von der Brigitte-Aktion so angetan, dass ab sofort einmal wöchentlich eine kalorienreduzierte Leckerei auf der Karte stehen wird.
Ulf Weise stieß sofort nach der Wende zum Dussmann-Team. Seitdem leitete er eine Vielzahl von Objekten. Aber keines stimmt ihn so euphorisch wie dieses innenarchitektonische Kleinod: »Wenn ich von draußen aus den Betonmassen hier hereinkomme, lebe ich sofort auf.« Da ist er nicht allein. Rund 200 Tischgäste genießen täglich die entspannte Atmosphäre.
Draußen vor der Tür blickt der bronzene »Nischel« immer noch streng geradeaus. Zu DDR-Zeiten kursierte ein Witz, demzufolge Karl Marx deshalb so grimmig guckt, weil er nicht in den gegenüber liegenden Intershop konnte. Den gibt es längst nicht mehr. Vielleicht ist die Laune des Revolutionsphilosophen bis heute schlecht geblieben, weil er nicht mit den »Werktätigen«, die hinter ihm im Behördenzentrum arbeiten, schick und lecker essen gehen kann.
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