Nicht nur büffeln
06.03.2009 – In den Tagesheimschulen Pullach gibt es eine qualifizierte Ganztagsbetreuung
Text: Gerd Hartmann
Fotos: Robert von Aufschnaiter
Wenn die Türen der S-Bahn sich am Pullacher Bahnhof kurz vor acht Uhr morgens öffnen, formiert sich eine Karawane. Dutzende von Kindern und Jugendlichen steigen aus, treffen sich schwatzend und lachend zu Gruppen. Fast wie im Gänsemarsch ziehen sie die Straße entlang zu ihrem gemeinsamen Ziel: den Tagesheimschulen Pullach.
Einen Katzensprung außerhalb der Münchner Stadtgrenzen befindet sich eine der größten und traditionsreichsten Privatschulen Bayerns. 1.200 Kinder und Jugendliche drücken in dem mächtigen Gebäude eines ehemaligen Jesuitenkollegs die Schulbank. Von der ersten Klasse bis zur Mittleren Reife oder dem Abitur. Grundschule, Realschule und neusprachliches Gymnasium befinden sich unter einem Dach. Und nicht nur das. Ein eigener Kindergarten bietet auch für die Jüngsten eine Betreuungsmöglichkeit. Da verwundert es nicht, dass die Schüler aus der ganzen Region kommen. Wenn der Unterricht beginnt, hat nicht nur die S-Bahn Groß und Klein aus allen Teilen der Stadt ans Ziel gebracht, sondern auch elf eigene Schulbuslinien.
»Wenn ich zu lang schlafe, dann frühstücke ich hier«, grummelt Lukas, 15, noch etwas maulfaul und beißt in sein, mit Schinken und Salat belegtes, Baguette. Es ist kurz nach acht vor dem Dussmann-Kiosk des Schulgebäudes. Zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn herrscht hier ein reges Kommen und Gehen. Mit exakt und steil nach oben gegelten Haaren eilt Lukas davon. Fürs Styling hat die Zeit offensichtlich gereicht – trotz Verschlafens.
Seit sieben Uhr dreißig bieten Dussmann-Mitarbeiter Till Schindler und sein Team all das an, was es für ein erstes oder zweites Frühstück braucht: verschiedene Brötchen und Sandwiches, Muffins und andere süße Stückchen – und frisches Obst, damit auch die Vitamine nicht zu kurz kommen. Eine große Auswahl an Heiß- und Kaltgetränken rundet das Angebot ab, das nicht nur von Schülern und Lehrern gern genutzt wird. »Das ist für den Zwerg«, sagt eine Mutter und streckt ihrem Sprössling eine vegetarische Vollkornstange mit Avocado und Tomaten in die Hand. »Und dann bitte noch zwei Butterbrezeln für mich.« Den eigenen Pausensnack für die Arbeit kauft die alleinerziehende Mutter praktischerweise gleich mit.
Viele Eltern, die ihre Kinder in die Obhut der Tagesheimschulen Pullach geben, sind beide berufstätig oder alleinerziehend. Denn hier ist nach Schulschluss nicht Schluss. Die Kinder verbringen den ganzen Tag auf dem weitläufigen Gelände direkt am Wald. »Wir sind ein Anlaufpunkt für Eltern, die eine qualifizierte Nachmittagsbetreuung suchen«, beschreibt Schulleiter Ralf Grillmayer einen der Beweggründe, die Eltern zu dieser Schulwahl bewegen. Zwar bieten seit der Pisa-Studie und der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre auch einige öffentliche Schulen einen Nachmittagsbetrieb an. Aber die Personalausstattung ist an Privatschulen wie in Pullach deutlich besser. Rund 45 Erzieher und Sozialpädagogen kümmern sich hier um Freizeit und Lernzeit. Ein solcher Förderungsaufwand hat seinen Preis. Zwischen 230 und 350 Euro im Monat – je nach Schultyp – müssen die Eltern aufbringen. Mittagessen inbegriffen. Trotz der Kosten sind die Wartelisten für alle vier Einrichtungen lang. Für die Grundschule gibt es meistens zwei bis drei Interessenten pro Platz.
Die Anzahl der Privatschüler steigt in Deutschland kontinuierlich. Einen Zuwachs von fast fünfzig Prozent meldet das Statistische Bundesamt für den Zeitraum von 1992 bis 2006. Bundesweit gehen 656.000 Kinder und Jugendliche auf rund 2.900 allgemeinbildende Privatschulen. »Das hängt damit zusammen, dass das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen grundsätzlich geschwunden ist«, kommentiert Schulleiter Grillmayer diesen Trend. Angst vor übergroßen Klassen und fehlender sozialer Ausgewogenheit sind die Gründe. Grillmayer sieht dahinter aber viel Stimmungsmache: »Der Ruf der öffentlichen Schulen hat zu Unrecht gelitten.« Allerdings soll schulische Bildung seiner Meinung nach auch Prägung und Wertevermittlung beinhalten. Und da seien die Privaten auf jeden Fall im Vorteil.
Vermittlung christlicher Werte
Die Tagesheimschulen Pullach sind kirchliche Schulen in freier Trägerschaft. Die Erzdiozöse München beteiligt sich in erheblichem Maß an den Kosten. Ein christliches Menschen- und Weltverständnis ist die Grundlage des Unterrichts. Das Fach Ethik wird hier nicht angeboten. Jeder Mitarbeiter muss einer christlichen Konfession angehören. Und auch von den Schülern wird erwartet, dass sie getauft sind. Die große Rundkirche im Schulkomplex ist nicht nur ein bauliches Zentrum. Hier finden Gottesdienste, Erstkommunion und Firmung statt – die Schulfamilie als Pfarrei. Auch Trauungen ehemaliger Schüler gab es schon. »Unser Anspruch muss sich im menschlichen Miteinander beweisen«, sagt Grillmayer. Mit viel Zeit und Engagement kümmern sich Lehrer und Erzieher um jeden einzelnen Schüler. Das geht natürlich nur, wenn die Klassengrößen stimmen. Am hiesigen Gymnasium liegt der Durchschnitt bei 23 Schülern.
Der Gong ertönt. Große Pause. Nicht nur der Hof füllt sich mit Stimmen und Gelächter. Auch an den Kiosken neben dem Speisesaal herrscht Andrang. Das Dussmann-Team ist darauf vorbereitet. Niemand muss die kostbaren Pausenminuten mit Schlangestehen verschwenden. An drei Ausgabestellen gehen Brötchen, Saft & Co. über den Tresen. Viele Schüler sprechen die Dussmann-Mitarbeiter mit Namen an. Der Kontakt ist sehr persönlich hier. Auch ein kleiner Scherz darf sein. »Wenn gute Laune dabei ist, schmeckt’s halt besser«, meint Küchenchef Schindler. 300 bis 500 kleine und große Kunden bedient das Dussmann-Team täglich an den Kiosken, die auch während der Freizeit am Nachmittag geöffnet haben.
»Das Essen ist hier bei uns ein großes Plus«, unterstreicht Schulleiter Ralf Grillmayer einen weiteren Vorzug seiner Schule. »Bei den Schülern hat es eine sehr hohe Akzeptanz.« Nicht nur bei ihnen. Auch viele Lehrer nehmen jeden Mittag im großzügigen Speisesaal Platz, der mit seiner hohen Decke und den holzvertäfelten Wänden von der Geschichte des Hauses erzählt. Bis Ende der 1960er Jahre wohnten und studierten hier Jesuiten. Rund 1.100 Essen werden täglich in der schuleigenen Küche zubereitet. Ab elf Uhr können die Großen und Kleinen aus verschiedenen Komponenten auswählen. Zu den zwei bis drei Hauptgerichten – davon eines vegetarisch – kommen Suppe, Dessert und vitaminreiche Beilagen. Ob mit Gemüse gefüllte Maultaschen, Rahmgeschnetzeltes oder Rohkoststicks – »der Mix macht es«, erklärt Schindler. Gemäß der Cool-Cooking-Philosophie von Dussmann Service ist die Ernährung ganzheitlich ausgerichtet. Alle Speisen sind ebenso kindgerecht wie vollwertig. Für die Beilagen werden ausschließlich Bioprodukte verarbeitet. Nicht nur die Gemüse haben das grüne Siegel, sondern auch Salatöle. Auf den Tischen steht Himalaya-Natursalz. Seit diesem Jahr ist die Küche biozertifiziert. Da das Auge immer mit isst – und als Service für die Kleinen, die noch nicht so gut lesen können – stehen alle Speisen appetitlich präsentiert in einer Vitrine im Eingangsbereich. Und wenn eine Klasse mal einen Ausflug macht, gibt es selbstverständlich Lunchpakete mit auf den Weg.
Hobbygruppen und Sport in der Freizeit
Nach dem Mittagessen ist Freizeit angesagt. Je nach Alter bis zu anderthalb Stunden und wenn möglich an der frischen Luft. Auf dem parkartigen Schulgelände, zu dem sogar eine Waldwiese gehört, gibt es Sportmöglichkeiten ohne Ende.
In der Turnhalle fliegen die Jonglierbälle, springen die Jungs vom Trampolin wie Tiger durch einen Reifen und die Mädchen fahren Hand in Hand auf Einrädern. Im Hobbykurs »Zirkuskünste« kann man aufführungsreife Akrobatik bestaunen. Vom Bogenschießen über Improvisationstheater bis hin zur Arbeit im Schulgarten werden in den freiwilligen Kursen die unterschiedlichsten Interessen bedient. Wer will, kann sich auch zurückziehen. Im obersten Stockwerk gibt es kleine Gruppenräume.
Ab drei Uhr kehrt wieder Ruhe auf dem Gelände ein. Außer den Schülern der gymnasialen Kollegstufe, für die es keine verpflichtende Lernzeit mehr gibt, machen jetzt alle ihre Hausaufgaben. Der Klassenerzieher, der auch schon die Freizeit begleitet hat, ist immer mit dabei. »Wir sind nicht nur dazu da, Stoff zu vermitteln, sondern den Schülern etwas auf ihren Lebensweg mitzugeben«, beschreibt der Tagesheimleiter der Realschule Alexander Hibsch die wichtige Funktion seiner Mitarbeiter. Die Erziehung zur Selbstständigkeit gehört dazu. Dadurch, dass die Schüler den ganzen Tag zusammen sind, vergrößert sich das soziale Engagement untereinander. Auch der kontinuierliche Kontakt zwischen Schule und Eltern ist ein wichtiges Element. Neben dem normalen Schulzeugnis gibt es – zeitlich versetzt – zwei Mal im Jahr ein »Tagesheimzeugnis«, in dem keine Noten stehen, sondern Anmerkungen zum sozialen Verhalten und zur Arbeitshaltung.
Kommunikation mit den Eltern wird auch beim Essen großgeschrieben. Die einmal jährlich stattfindende Sitzung des Essensbeirats bietet ein Forum für Anregungen und Feedbacks an die Küche. Dort entstand auch die erste vage Idee zu der Umstellung auf Bioprodukte. Und das Dussmann-Team bewies, dass dies mit einem vertretbaren Mehraufwand machbar ist. In diesem Jahr fiel die Essensbeiratssitzung allerdings aus. Es gab kein Thema.
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