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Roboter und Wunschmenüs

30.04.2009 – In Greifswald entsteht das Klinikum der Zukunft

 

Text: Gerd Hartmann
Fotos: Universitätsklinikum Greifswald 

Zweimal links um die Ecke, dann durch den geschwungenen Gang fast geradeaus, dazwischen ein kurzer Stopp, damit sich die Automatiktür öffnen kann. Der Kleine kennt seinen Weg. Vor dem Aufzug macht er kurz Rast. Dann fährt er hinein und ab geht es in den Keller. Der Kleine, der so zielsicher allein durch das Universitätsklinikum Greifswald kurvt, ist ein Roboter. Sein Name: Transcar 2.

Der wendige Helfer und seine neun identischen Kollegen spielen keine Hauptrolle in einer Computersimulation, sondern in der Wirklichkeit. Im neuen Campus des Uniklinikums Greifswald wird all das, was früher Schwestern und Hilfskräfte durchs Haus schieben mussten, von einem automatischen Transportsystem geholt und gebracht. Ob mit Essen, Wäsche, Medikamenten, Sterilgut oder Abfall beladen – die »fahrerlosen Transportfahrzeuge«, die wie große Tabletts auf Rädern aussehen, sind 19 Stunden am Tag auf Achse. Bis zu 300 Fahrten von den einzelnen Stationen ins zentrale Servicezentrum und wieder zurück absolvieren sie ganz ohne menschliches Zutun. Sogar den Aufzug holen sie sich selbstständig. 

Nur Frank Schneidenbach weiß immer ganz genau, wo die lasergesteuerten Mitarbeiter stecken und welchen Auftrag sie gerade erledigen. Von seinem Monitor in der Logistikzentrale aus überwacht er ihre Wege durch die kilometerlangen Krankenhausgänge und das Tunnelsystem, das die einzelnen Gebäude mit der Servicezentrale verbindet. Seit der Eröffnung des ersten Neubauabschnitts im Jahr 2003 ist das System in Betrieb. Und es läuft reibungslos, wie Frank Schneidenbach versichert.  

Im Jahr 2010 werden 21 Roboter durch das Klinikum flitzen. Dann soll das modernste Universitätsklinikum Deutschlands fertig sein. Über 260 Millionen Euro werden derzeit dafür verbaut. Wenn der neue Campus vollendet ist, sind 21 Kliniken und 19 Institute an einem Standort vereint, die bisher quer über die Stadt verstreut liegen. Ein Teil des Klinikums der Zukunft ist schon in Betrieb. Mehrere Stationen mit über 350 Betten sind auf dem großzügigen Gelände mit Gärten und Wasserflächen angesiedelt.  

Im Universitätsklinikum Greifswald wird nicht nur an den Gebäuden gearbeitet. Auch sonst ist einiges in Bewegung. Einerseits wird hier der Anspruch umgesetzt, die Region möglichst optimal medizinisch zu versorgen. Das schließt in immer stärkerem Maß die Grundversorgung ein. In Mecklenburg-Vorpommern sinkt die Bevölkerungszahl und auch die Hausärzte werden immer weniger. Andererseits sollen auch Spitzenmedizin und Forschung ihren Platz haben. Fachübergreifende Zusammenarbeit und Investitionen in medizinische Hochtechnologien gehören genauso zur Strategie, wie Forschungen in die Breite. Community Medicine wird dieser Zweig genannt, für den es – deutschlandweit einmalig – am Universitätsklinikum ein eigenes Institut gibt. Mit Langzeit-Datensammlungen von 4.000 Probanden sollen Erkenntnisse über typische regionale Erkrankungen und Risikofaktoren einzelner Bevölkerungsgruppen gewonnen werden. Von den Ergebnissen profitieren alle – auch das Krankenhaus. Es kann damit seine Angebote langfristig ausrichten und weiter entwickeln.  

Die ebenso innovativen wie breitgefächerten Wissenschaftsbereiche und die klinischen Möglichkeiten machen Greifswald als Studienort für angehende Ärzte attraktiv. 1.300 zukünftige Human- und Zahnmediziner sind derzeit an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität eingeschrieben. Auf einen Platz kommen rund fünfzehn Bewerber.

Ausgeklügelte Logistik 

Am »Bahnhof«, wie die Laderampe im Servicezentrum des Campus intern heißt, dockt ein LKW an. Seine Fracht: isolierte Metallcontainer mit dem Mittagessen für die Patienten. Schnell sind die silbrigen Behälter in die Versendestation gerollt. Dort stehen sie nicht lange in Reih und Glied. Schon kommt blinkend ein automatischer Kollege, um den ersten Container auftragsgemäß auf die richtige Station zu bringen. Ein münzgroßer Transponder an jedem Behälter hat ihn mit den nötigen Daten versorgt.  

Nicht nur der Transport ist ebenso ausgeklügelt wie faszinierend. Auch der Inhalt eines jeden Essenswagens ist das Ergebnis einer umfassenden Logistik. Die beginnt am Vortag – mit einem Lächeln und einem herzlichen »Guten Morgen«. Damit tritt Dussmann-Mitarbeiterin Anita Liebenow ans Patientenbett. Sie ist eine von neun »Menüdamen«, wie Hostessen hier freundlich heißen. Jeden Vormittag befragt sie die Patienten nach ihren Essenswünschen für den kommenden Tag. Ob es zum Frühstück ein Mehrkornbrötchen oder lieber Weißbrot sein soll, welches der Mittagsmenüs es sein darf und welche der acht verschiedenen Abendbeilagen. In Anita Liebenows Handheld ist nicht nur der Wochen-Speisenplan gespeichert. Ihr Minicomputer sagt ihr auch, welche Diätvorgaben jeder Patient hat. Die Software schließt automatisch ungeeignete Komponenten vom Angebot aus.  

Bei Herrn Busse, der nach einer Hüftoperation auf der Orthopädiestation liegt, ist das kein Thema. Er darf alles essen. Und entscheidet sich trotzdem gegen Käse und Schinken zum Frühstück. »Ich bin ein klassischer Marmeladenesser«, meint er und bestellt sich dafür pikanten Quark und Jagdwurst für den Abend. Sein Mittagsmenü hat er schon vorab ausgesucht. In jedem Zimmer liegt die Wochenspeisenkarte aus. Dann schäkert er noch zwei Sätze mit Anita Liebenow. Man kennt sich, Herr Busse ist schon zum dritten Mal hier. Und hoffentlich zum letzten Mal, meint er, jetzt, wo auch seine zweite neue Hüfte erfolgreich eingesetzt worden sei. 

Am frühen Nachmittag treffen die Essenswünsche von Herrn Busse mit denen von insgesamt 700 Patienten aus den verschiedenen Standorten der Klinik in der Zentralküche ein. Verkehrsgünstig in einem Industriegebiet gelegen, bereitet hier das Dussmann-Team die Speisen für alle Standorte zu. Dazu kommen noch das Mittagsangebot für zwei Mitarbeitercasinos und eine Cafeteria. Einschließlich Frühstück und Abendbrot verlassen täglich etwa 2.400 Portionen die hochmoderne Küche am Koppelberg, die seit kurzem biozertifiziert ist.

Dussmann Service ist für das gesamte Catering im Universitätsklinikum verantwortlich. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Nicht nur das Standardangebot aus Vollkost, leichter Vollkost und ovo-lacto-vegetabiler Kost wird hier gekocht. Für die Kinderabteilungen gibt es zehn Menüvarianten sowie bis zu 20 Sonderkostformen täglich. Sie sind auf spezielle Diät- und Ernährungsanforderungen zugeschnitten, beispielsweise bei Allergien. Für Privatpatienten gibt es zusätzlich eine »Feinschmecker-Menükarte«. Aus einem umfangreichen Premium-Angebot können sie sich À-la-carte-Menüs zusammenstellen, die eigens für sie kreiert werden. Auch wenn Fingerfood oder kleine Leckereien gefordert sind, ist Dussmann Service der richtige Ansprechpartner. Die Küche beliefert Veranstaltungen und Empfänge der Uni mit Buffets und Snacks.

Wunschkost für Krebspatienten 

Da im Klinikum viele Transplantations- und Krebspatienten behandelt werden, bietet die Küche zudem individuelle »Wunschkost« an. »Diese Patienten haben oft ein ganz anderes Geschmacksempfinden«, erklärt die leitende Diätassistentin Birgit Giese. »Deshalb können sie sich aussuchen, worauf sie Appetit haben.« Täglich kochen Birgit Giese und ihre fünf Kolleginnen zwischen 20 und 30 dieser Wunschmenüs. Einzeln. Viele kleine Töpfe dampfen am Nachmittag in der Großküche. »Für diese Patienten werden alle Möglichkeiten geschaffen«, betont Giese. Und sollte einer Lust auf ein Stück Räucheraal haben, so wird auch der besorgt.  

Die Küche des Klinikums arbeitet nach dem Cook&Chill-Verfahren. Die warmen Mahlzeiten werden am Vortag zubereitet und kommen sofort nach dem Kochen in einen der drei großen sogenannten Chiller. Diese Hochleistungs-Kühler bringen die Speisen binnen 90 Minuten auf drei Grad – die ideale Aufbewahrungstemperatur. Erst direkt auf den Stationen werden die Gerichte auf Serviertemperatur gebracht. So bleiben Geschmack und Vitamine viel besser erhalten, als wenn heiß portioniertes Essen auf stundenlange Wanderschaft geschickt wird.  

Auch dabei hilft High Tech: In den Essenscontainern befinden sich unter jedem Tabletteinschub zwei Kontaktwärmeplatten – eine für die Suppe und eine für das Hauptgericht. So können die Speisen auf eine vorher festgelegte, individuelle Temperatur gebracht werden. Und wenn anstatt der Suppe eine Rohkostplatte auf dem Tablett steht – kein Problem. Die Kochplatten springen nur an, wenn der Deckel auf den Speisen einen Metallkern hat. Wenn nicht, bleiben sie kalt. 

Da die Kühlkette nie unterbrochen werden soll, herrschen auch an der Portionierstraße nur sieben Grad. Dort landet Herrn Busses – mittlerweile ausgedruckte – Menükarte auf dem noch leeren Essenstablett. Nach und nach bestücken es die Dussmann-Mitarbeiter mit den vermerkten Essenswünschen. Am Ende des Bandes kontrolliert eine Diätassistentin, ob alles so ist, wie es sein soll. Wenn ein Besteckteil fehlt, oder versehentlich eine falsche Beilage auf das Tablett gelangt ist – ihrem geschulten Auge entgeht nichts. Die fertigen Menütabletts werden sofort in die vorgekühlten Container geschoben und versandfertig verschlossen. Keine Viertelstunde später fährt der erste LKW vor. Das Mittagessen geht auf Reisen. Auf dem Rückweg bringt er das Frühstücksgeschirr mit – zur Reinigung in der angeschlossenen Spülküche. So schließt sich der logistische Kreislauf.

Erfolgreiches Qualitätsmanagement 

Das Universitätsklinikum Greifswald ist eine Erfolgsgeschichte. Mit seinen mehr als 3.400 Mitarbeitern ist es der größte Arbeitgeber in der Region. Tendenz aufwärts – denn die Zeichen für die Zukunft stehen auf Expansion, mit der auch zusätzliche Stellen einhergehen. Ein wichtiges Signal im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem hat das Klinikum seit Jahren einen ausgeglichenen Haushalt – eher eine Ausnahme in diesem Bereich. Auch bezüglich des »Basisfallwertes« steht die Uniklinik blendend da. Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich eine statistische Größe, die einiges über Leistungsfähigkeit und Management eines Krankenhauses aussagt. Je niedriger diese Zahl ist, desto wirtschaftlicher wird gearbeitet. Mit 2.662,50 Euro hat Greifswald den zweitbesten Wert unter allen deutschen Unikliniken. Das ist vor allem einem konsequenten Qualitätsmanagement zu verdanken. Seit Jahren gibt es in jeder Klinik einen Qualitätsbeauftragten, der die Arbeitsabläufe und die Versorgungsqualität für die Patienten analysiert. Als erstes deutsches Universitätsklinikum wurde Greifswald mit dem Zertifikat »Committed to Excellence« der »European Foundation for Quality Management (EFQM)« ausgezeichnet. 

Auch was das Catering betrifft, wird Kommunikation groß geschrieben. Alle vier Wochen tagt die »Küchenkommission«. Bei diesen Qualitätssicherungsgesprächen treffen sich Vertreter der einzelnen Bereiche wie Stations- und Pflegedienstleiter mit Mitarbeitern von Dussmann Service. So ist ein regelmäßiges Feedback garantiert – ganz nah an den täglichen Abläufen und Bedürfnissen. 

»Achtung, automatischer Transport!« Mit blecherner Stimme kündigt Kollege Roboter sein Kommen an. »Achtung! Richtungswechsel!« Brav parkt er auf dem Flur der Orthopädiestation ein, stellt seinen Container ab und kurvt eilig weg zu neuen Aufgaben. Im Stationszimmer klingelt das Telefon. Das System meldet, dass das Mittagessen angekommen ist. Schwester Kathrin muss jetzt nur noch den Container mit der Steckdose verbinden. Eine dreiviertel Stunde später haben Suppe und Hauptspeise die richtige Serviertemperatur. 85 Grad – auf den Punkt. Die Verteilung kann beginnen. Auch dafür hat die Logistik der Zentralküche schon vorgearbeitet: Im Container sind die Wunschessen der Patienten von oben nach unten den einzelnen Zimmern zugeordnet. Ganz nach den individuellen Gegebenheiten auf jeder Station.  

Herr Busse mit der neuen Hüfte ahnt nichts von den komplexen Wegen, die seine Bestellung von gestern genommen hat, als ihm Schwester Kathrin das Tablett serviert. Ihm schmeckt die gedünstete Geflügelbrust mit Kräutersauce. Und das ist schließlich die Hauptsache.

 


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