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Vor der Energie kommt die Höhentauglichkeit

20.02.2009 – Schrauben so groß wie Hanteln, tonnenschwere Gerüste in schwindelerregender Höhe. Und am Boden: Bauarbeiter auf Fahrrädern. Eine Baustellenbesichtigung des E.ON Steinkohlekraftwerkes in Datteln.

 

Text: Anne Honisch
Fotos: Martin Lässig

»Welche Schuhgröße haben Sie eigentlich?«, fragt mich ein Mann mit Brille, Bauhelm und orangefarbener Sicherheitsweste. Ein Besuch auf der E.ON Baustelle in Datteln beginnt – bevor man das Gelände überhaupt betritt – im Sicherheitszentrum. Der Container wirkt klein und verloren vor den Türmen, die im Hintergrund aus dem Boden gestampft werden. 

Der Anblick täuscht, an diesem Container kommt niemand vorbei. Es ist der Eingang zum zukünftigen Steinkohlekraftwerk. Wer auf die Baustelle will, bekommt hier vorab eine Sicherheitsschulung. Im PC-Raum sitzen Besucher vor Computern und hören den Anweisungen zu: »Schauen Sie unter Kränen öfter mal nach oben«, »Suchen Sie bei Alarm den Sammelpunkt am Eingang auf«, »Tragen Sie auf der Baustelle immer Warnweste, Bauhelm und Sicherheitsschuhe«. Die habe ich – Schuhgröße 41 – inzwischen an und bin um einiges schwerer. Stahlkappen und eine Stahlsohle für den Fall, dass ich auf Nägel trete oder mir etwas auf den Fuß fällt. 

Auf die Belehrung folgt ein Test, zehn Fragen, Multiple-Choice-Verfahren. Für Besucher gibt es die Sicherheitsschulung in vier Sprachen, für die Bauarbeiter eine ausführlichere Version sogar zehnsprachig. Nach der Einweisung und dem bestandenem Test geht es mit Besucherausweis um den Hals los.

Schwindelfrei und höhentauglich 

Die Straßen sind breit, ein Wirrwarr von Kränen baut sich vor mir auf, Maschinenlärm tönt vom Kesselhaus herüber, wo ein Kran Stahlträger umherwuchtet. Bauarbeiter stapfen über den Kies. Sofern sie nicht Fahrrad fahren. Das Steinkohlekraftwerk in Datteln erstreckt sich über 60 Hektar, wieso sollte man längere Strecken laufen? »Höchstgeschwindigkeit 20 km/h«, verkündet ein Verkehrsschild. Da ist ein Fahrrad genau richtig, vorausgesetzt, man muss keine Baumaterialien transportieren.    

Das Steinkohle-Monoblock-Kraftwerk ist eines von insgesamt vieren, die E.ON derzeit in Europa zu bauen plant, beziehungsweise bereits baut. 1,2 Milliarden € lässt sich der Energiekonzern den Neubau in Datteln kosten; 2011 soll »Datteln 4«, so der Name, ans Netz gehen. Es ist ein Pilotprojekt, im Hinblick auf Technik, Leistung und Arbeitsschutz. 1.100 Megawatt Leistung wird es produzieren. Die Stromproduktion geht in die öffentliche Versorgung und an die Deutsche Bahn. Darüber hinaus liefert E.ON Fernwärme ins nördliche Ruhrgebiet – erhitztes Wasser, das über ein Leitungsnetz in nordrhein-westfälische Heizungen fließt. 

Nicht nur im zukünftigen Kraftwerk, bereits auf der Baustelle ist die Sicherheit ein entscheidendes Thema. Erstmals setzt E.ON einen HSE-Manager ein, verantwortlich für Gesundheits-, Umwelt- und Arbeitsschutz. Die Sicherheitsdienste auf der Baustelle erbringt die Dussmann Service-Niederlassung Essen, die bereits ein weiteres Kraftwerk in der Region sichert. Dank dieser Erfahrung stellt der Dienstleister auch für E.ON nach und nach die benötigten Mitarbeiter: Sicherheitsfachkräfte, Sanitäter, Aufzugsführer… Je weiter der Bau voranschreitet, desto mehr Dussmann Service-Mitarbeiter kommen auf der Baustelle zum Einsatz, am Ende werden es um die 80 sein. Dussmann-Niederlassungsleiter Andreas Gutzmann meint: »Sicherheit ist ja allgemein ein sehr sensibles Thema, aber bei einem Kraftwerksbau sind die Anforderungen besonders hoch. Deshalb sind wir als Niederlassung auch sehr stolz darauf, ein so gigantisches Projekt begleiten zu dürfen.« 

Der Kraftwerkskühlturm wird zum Ende der Bauzeit circa 180 Meter hoch sein. Das Kesselhaus hat seine endgültige Höhe von circa 120 Metern bereits erreicht. Diesen Dimensionen muss sich alles auf der Baustelle anpassen, allen voran die Bauarbeiter. Schwindelfrei und höhentauglich, diese Worte fallen häufiger während des Rundgangs. Wer hoch oben auf den Gerüsten arbeitet, trägt ein Sicherheitsgeschirr um die Hüfte und ist angeseilt. Die größte Gefahr ist es nicht, in die Tiefe zu stürzen, sondern zu lange im Geschirr zu hängen, dessen Gurte die Blutgefäße abklemmen. Sollte etwas passieren, stehen speziell ausgebildete Sanitäter und die Höhenrettung bereit – sie seilen sich ab und verarzten den Bauarbeiter, der in seinem Geschirr hängt. 

Schwalbennester werden wieder abmontiert 

Fünf Meter hoch ist die Alu-Leiter im obersten Stockwerk, sie lehnt in der Dachluke. Mit den Sicherheitsstiefeln werden es für ungeübte Besucher aufregende fünf Meter. Wie war das noch mal mit schwindelfrei? Doch die Kletterpartie lohnt: Vom Dach des Treppenturms aus überblicke ich die gesamte Baustelle – und etliche weitere Kraftwerke in der Umgebung. 

Zwei Treppentürme rahmen das spätere Kesselhaus ein, dessen Gerüst bereits steht. Dunkelrote Stahlbalken schießen in die Höhe. Hier wird später der Kessel hängen. Ja, hängen. Durch die Temperaturschwankungen im Kessel dehnt dieser sich aus. Sein Schwebezustand ermöglicht diese Ausdehnungen. 

Im Kesselgerüst sind Luken, durch eine geöffnete hindurch erblicke ich Leitersprossen, die an den Gerüst-Innenwänden montiert sind. Damit die Bauarbeiter nicht ständig über Sprossen klettern müssen, verbinden gelbe Brücken das Gerüst mit dem Treppenturm. Hier gibt es einen Aufzug. So können die Bauarbeiter den Fahrstuhl nach oben nehmen und über die Brücken zum Gerüst laufen.  An den Ecken des Kesselgerüstes prangen gelbe Plattformen, auf denen Bauarbeiter hantieren. Schwalbennester werden sie genannt und wie alles Gelbe sind sie provisorisch und werden zum Bauende wieder abmontiert. 

Noch sind die Treppentürme die höchsten Gebäude auf der Baustelle, aber der Kühlturm holt auf – anderthalb Meter wächst er pro Tag, bis er die 180-Meter-Marke erreicht haben wird. An der Außenwand des Kühlturmes hängt ein Ungetüm, eine Krake, die ihre Fangarme rund um den Turm geschlungen hat. Die Krake nennt sich Kletterschalung, ein Gerüst, das an den Turmwänden befestigt ist. Werden die Wände betoniert, bekommen sie Löcher, in denen sich die Kletterschalung mit Ankern einhakt, wenn der Beton ausgetrocknet ist. So zieht sich das Gerüst mit Hilfe eines Motors Stück für Stück an der Außenwand nach oben. Die ist an der dünnsten Stelle nur circa 23 Zentimeter breit und damit – gemessen am Verhältnis zum Innenvolumen – dünner als eine Eierschale. Der Blick von oben auf den Kühlturm bestätigt den Vergleich.

Viele Prozentpunkte 

Der Wirkungsgrad des Kohlekraftwerkes, das Verhältnis von eingesetzter zu nutzbarer Energie, wird mehr als 45 Prozent betragen. Das ist für einen Binnenstandort weltweit Spitzenleistung. Dank modernster technischer Lösungen ringt E.ON dem Kraftwerk die vielen Prozentpunkte ab. 

Eine dieser technischen Lösungen ist rund, flach und so groß, dass ich sie vom Treppenturm aus auf der Erde liegen sehe – ein stählernes Rad, durch eine eingelassene Wand halbiert. Ist das Kraftwerk fertig, wird sich dieses Rad drehen und in der einen Hälfte fließen dann die Rauchgase, die bei der Kohleverbrennung entstehen, nach unten. In der anderen Hälfte strömt kalte Luft nach oben in den Brennkessel. Durch die Rotation werden die Gase abgekühlt und die kalte Luft vorgewärmt – das spart einen Heizofen und bringt Pluspunkte für den Wirkungsgrad. 

Die gereinigten Rauchgase werden in Datteln nicht durch einen extra Schornstein, sondern durch den Kühlturm mit abgeleitet. Das erspart nicht nur den Bau eines Schornsteins, sondern hilft auch beim Auftrieb im Kühlturm. 

Vom anderen Ende des Daches aus sehe ich Schiffe, beladen mit schwarzen Bergen. Das zukünftige Kraftwerk liegt an einem Kanal, aus ganz Europa wird später die Steinkohle über Rotterdam eingeschifft. Am Ufer rotiert ein Schaufelbagger. E.ON erweitert den Kanal und baut einen Parallelhafen, sodass mehrere Schiffe gleichzeitig anlegen können. 

Was an Materialien nicht über den Kanal kommt, kommt über die Schienen oder die nahe gelegene Autobahn. Mehr Infrastruktur geht nicht.  

Die Mühlenfundamente sind bereits gebaut; hier wird die Kohle später gemahlen und in den Brennkessel geblasen werden – bei Volllast an die 360 Tonnen pro Stunde. Die Nebenprodukte, Kalk und Flugasche, sind begehrte Materialien im Straßenbau und bei der Anmischung von Beton, der dank Flugasche schneller aushärtet. 

Auf der anderen Seite des Kanals liegt das alte E.ON Steinkohlekraftwerk. Nach  40 Jahren Betrieb hat es ausgedient. Wenn sein Nachfolger 2011 ans Netz geht, wird es für eine Übergangszeit weiter laufen, dann erfolgt der Rückbau. Die freie Fläche will E.ON der Stadt zur Verfügung stellen, Gewerbeansiedlung ist geplant. 

Der Wind pfeift munter vor sich hin, es ist zugig auf dem Treppenturm, den Bauhelm weht es mir fast vom Kopf und die Aluleiter wartet auf den Abstieg.

Jahrelange Planung vor dem ersten Spatenstich 

Wieder festen Boden unter den Füßen, sehr fest sogar, drei Meter tief sind die Betonfundamente an einigen Stellen. 

Einem Kraftwerksbau gehen jahrelange Planungen voraus, bei E.ON in Datteln war es nicht anders – 2002 begann die Planung am Reißbrett, der erste Spatenstich folgte Anfang 2007. Der Boden wurde im wahrsten Sinne des Wortes durchlöchert. Bohrungen, um Bomben zu orten. Bohrungen, um Bergbruch auszuschließen – auf der anderen Kanalseite hatte es vor Jahrzehnten Untertagebau gegeben. Bohrungen, um die Feuchtigkeit des Bodens zu messen. Zu Tage kamen 20 Blindgänger; es folgten Pfahlgründungen und drei Meter tief gebaute Betonfundamente, die zukünftige Absenkungen vermeiden. 

Am Ende der Straße taucht der Kontrollcontainer wieder auf. Zwei junge Männer stehen auf der anderen Seite der Schranke und warten darauf, durchgelassen zu werden. Warnweste, Bauhelm und Sicherheitsschuhe – sie sind in Montur, haben die Einweisung erfolgreich mitgemacht.  

Die Baustellen-Besucher kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen: Studenten von Fachhochschulen interessieren sich für die technischen Abläufe, Baufirmen aus der Region preisen sich und ihre Dienstleistungen an, Bewohner aus Datteln wollen sehen, was da in ihrer Nachbarschaft gebaut wird. Willkommen sind sie alle. Parallel zum Kraftwerksbau hat E.ON ein Informationszentrum auf der anderen Kanalseite errichtet, der »Treffpunkt Energie«. Vom Dach aus haben Besucher die Baustelle genau im Blick. Wer noch näher heran will, bekommt eine Führung. Und muss dafür seine Schuhgröße preisgeben.

 


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